Auch mit einem autistischen Kind, das nur schwer zu erreichen ist, gibt es Zeiten, in denen Sie das Gefühl haben, dass das Kind „bei mir“ ist, was sich ruhiger anfühlt, und Wärme und auch die Hoffnung auf emotionalen Kontakt und Austausch aufkommen lässt.

Es gibt 3 verschiedene Qualitäten des „Bei-mir-Seins“:

  1. Ist mein Kind wirklich und „echt“ bei mir? 

    In diesem Fall fühlt man, dass das Kind wirklich bei uns/anwesend ist. Es ist wirklich da. Man hat ein klares Gefühl von seinem Potenzial und dass es Fähigkeiten hat, die wachsen und sich entwickeln können, und es in der Lage ist, es selbst zu sein oder auch Beziehungen mit anderen Personen einzugehen. Sein Gefühl des Selbstes is allerdings so zerbrechlich, dass das Kind es möglicherweise nur für kurze Zeit in diesem Moment des „Zusammenseins“ aushält und davon dann so überwältigt wird, dass es sich wieder „in sein Inneres zurückziehen“ muss.

  2. Ist mein Kind bei mir, aber „vorgetäuscht oder tut es nur so“? 

    Hier kann Ihr Kind für Sie sehr überraschend plötzlich sehr viel Zuneigung zeigen, obwohl (oder vielleicht weil?) Sie ihm bereits fünfmal gesagt haben: „Keine Kekse mehr!“ Sie werden dadurch milder, und wenn Ihr Kind dann mit einem so süßen Lächeln auf dem Gesicht noch einmal fragt, lenken Sie ein und sagen: „Na gut, noch einen.“ Dennoch bleibt da die Frage: War das jetzt wirklich echt oder sind Sie gerade irgendwie ausgetrickst worden, um zu tun, was das Kind wollte? Interaktionen wie diese können manipulativ oder kontrollierend, möglicherweise auch verführerisch wirken. Man hat das Gefühl, dass das Kind sich Einem nur teilweise hingibt, wobei seine Aufmerksamkeit etwas Selbstbezogenes hat um etwas Bestimmtes für sich aus dieser Beziehung zu ziehen, anstatt sich dem Anderen und der Beziehung wirklich voll zuzuwenden.

  3. Ist mein Kind mechanisch bei mir im Sinne von „antrainiert“? 

    Hier geht es um das mechanische Wiederholen von Wörtern, Sätzen und sozial-emotional antrainiertem Benehmen, wie ein Papagei, was sich aber eher aufgesetzt als echt anfühlt, ein so-tun-als-ob ohne echtes Interesse und ohne zu verstehen, worum es wirklich geht. Es fühlt sich manchmal an wie ein Roboter, der höfliche Grußformeln von sich gibt, ohne dass ein echtes Gefühl dabei rüberkommt. Ihr Kind gibt Ihnen scheinbar, was Sie hören oder sehen möchten, ist aber nicht ganz da. In Wirklichkeit versteht es im Grunde nicht, was es tut oder sagt. Seine Aufmerksamkeit ist nur oberflächlich, ohne an der eigentlichen Bedeutung interessiert zu sein. Es hält Sie hin, geht automatisch wie „antrainiert“ mit den Anforderungen mit, um ein echtes Sich-einlassen zu vermeiden und vielleicht auch, um sich den Stress vom Hals zu halten.

„Inzwischen kann ich viel besser den Unterschied erkennen, wann Erwin wirklich bei mir ist und wann nicht. Früher habe ich mich darauf konzentriert ihm beizubringen, das Richtige zu sagen. Aber das hat sich immer irgendwie unecht oder geheuchelt angefühlt. Inzwischen versuche ich Wege um in einen echten emotionalen Kontakt mit ihm zu kommen, was auch bedeutet, dass ich weniger spreche.  Stattdessen achte ich mehr darauf, was ich fühle, und versuche mich darauf einzustimmen, was Erwin fühlen und wirklich wollen könnte. Ich benutze weniger Worte, und mehr gestische Kommunikation, Mimik und meine Stimme auf lautmalerische Weise. Das hat uns beiden sehr geholfen besser in Kontakt miteinander zu kommen.“ Mutter eines 8-jährigen Jungen mit Autismusdiagnose

Vielleicht tauchen in diesem Zusammenhang Fragen zu Problemen auf, die Sie an Ihrem Kind beobachtet haben. Über eine Rückmeldung oder Ihre Gedanken zu diesem Thema freue ich mich.