Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind „weit weg von mir“ ist, fühlt sich dies normalerweise kalt an und Ihr Herz zieht sich zusammen, weil es unmöglich scheint, es zu erreichen. Vielleicht bewegt es sich ständig im Kreis, läuft unablässig hin und her, springt wild auf und ab, während es eine Schnur umherwirbelt, oder es sitzt auf dem Fußboden und lässt ein Objekt kreisen, brabbelt laut vor sich hin, blättert ziellos in einem Buch oder Katalog oder stößt 2 identische Holzklötze aneinander. Oder es starrt in die Ferne oder liegt regungslos auf dem Fußboden. Oder das Kind ist total aufgedreht, prustet vor Lachen und ist offensichtlich glücklich, doch das scheint unverständlich und „lässt niemanden rein“.

Sensorische Haut- und Körperwahrnehmung

In diesem Bewusstseinszustand ist es in Wirklichkeit in sich gekehrt und „innen“. Alle seine Aufmerksamkeit ist auf einen Punkt im Inneren fokussiert, auf seine eigene sensorische Haut- und Körperwahrnehmung, ohne sich Ihrer oder seiner Umwelt gewahr zu sein. Auch wenn seine Augen sehen und seine Ohren hören können, so nimmt sein Verstand Sie nicht wahr und verarbeitet nicht, was er sieht oder hört, auf sinngebende Art und Weise. Die gesamte Aufmerksamkeit liegt auf dem Spüren seines Körpers und dem Erzeugen von einem Körperrhythmus, was ihm ein Gefühl von berechenbarer Stetigkeit und damit Sicherheit gibt, ohne sich der Welt oder der Ereignisse um sich herum bewusst zu sein.

Wie die Pole eines Magneten

Erwachsene wollen das Kind häufig einfangen, es erreichen, seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, um es aus diesem Bewusstseinszustand herauszuholen, es vielleicht sogar zwingen, Sie zu sehen, zu hören, zu würdigen oder sonstwas zu tun. Aller Wahrscheinlichkeit nach, wird dies die Distanz nur noch vergrößern, wie die Pole eines Magneten. Falls Ihre Bemühungen bisher darauf abzielten, fühlen Sie sich wahrscheinlich ziemlich gestresst, müde, verwirrt und entmutigt, weil Sie eine große Dosis Ablehnung und Frustration abbekommen haben. Manchmal treiben die Bemühungen des Erwachsenen das Kind auch dazu, sich „gegen mich“ zu richten.

Was ist da los und wie lässt sich helfen?

Wenn Ihr Kind „weit weg von mir“ ist, ist die beste Strategie erst einmal gar nichts zu tun. Einfach nur wahrnehmen, dass es so ist und was dies mit Ihnen macht, Ihre eigenen Gefühle beobachten. Sich Zeit zu lassen und sich erlauben zu warten, zuzusehen und sich zu wundern, ist immer ein guter Anfang. Damit bekommen Sie Ihren Anfangsimpuls, „etwas tun“ bzw. sofort etwas ändern zu wollen, in den Griff. Dies gibt Ihnen eine Denkpause, in der Sie sich dessen bewusst werden können, dass Ihre Vorschläge oder Einladungen bei Ihrem Kind in diesem Bewusstseinszustand mit größter Wahrscheinlichkeit nicht gut, oder vielleicht auf keinen Fall, ankommen werden.

Körperwahrnehmung, Gefühle und Kopf

Wie versuchen Sie Ihr Kind zu erreichen, wenn Sie mit ihm sprechen – über den Kopf, die Körperwahrnehmung oder seine Gefühle? Ich frage, weil Ihr Kind in diesem Zustand nicht zuhört. Es ist nicht „im Kopf“. Es ist bei seiner Körperwahrnehmung und fühlt sich wahrscheinlich gefühlsmässig völlig überwältigt. Diese drei Elemente – Körperwahrnehmung, Gefühle und Kopf – sind nicht auf sinnvolle Weise miteinander verbunden, sondern fragmentiert und durcheinander. Deshalb können Ihre Worte Ihr Kind auch nicht erreichen.

Weniger ist mehr

Der nächste Schritt könnte noch weniger intuitiv wirken, weil er genau das Gegenteil von dem üblichen Impuls ist, das Kind näher an sich heran zu ziehen, ihm etwas Nützliches beizubringen oder es dazu anleiten etwas Sinnvolles zu tun: tun Sie das Gegenteil! Am besten ist es in dieser Situation,  nachsichtig zu sein, den Druck zu reduzieren und weniger Anregungen zu geben, statt mehr.  Weniger ist mehr. Stellen Sie sich vor, Sie beobachten einen kleinen Vogel und müssen sich ganz behutsam bewegen, damit er nicht beim kleinsten  Geräusch sofort erschrocken davonfliegt.

„Eins-sein“ oder „Zwei-sein“

Ihr Kind kann es nicht aushalten, wenn es zwischen sich selbst und Ihnen einen Unterschied wahrnimmt. Es kann das Konzept von „anders“ oder „eine andere Person“ nicht begreifen. In seinen Kopf passt nur „ich“ und ein „Ich-Gefühl“; mit allem anderen kann es nicht umgehen. Es befindet sich tief in sich selbst und seiner eigenen mentalen Welt, in der es keine Trennung, keinen „anderen“ gibt. Oder das Anders-Sein der anderen Person wird in „Eins-sein“, ein „nur ich“ verwandelt. Das Gefühl des „Anders-Seins“ erzeugt Emotionen. Aber das Kind weiß nicht, wie es mit diesen Gefühlen des Zwei-seins umgehen kann. Deshalb versucht es, dieses „Anders-Sein“-Gefühl wegzumachen, indem es sich emotional weit entfernt und Sie nicht sieht oder hört (Distanz) oder indem es Sie kopiert (was sich auch als vorgetäuschte oder antrainierte Nähe äußern kann, was möglicherweise auch eine Form von Loswerden des „Anders-Seins“ darstellt).

Nützliche Techniken, wenn das Kind „weit weg von mir“ ist

  • Da sein: Einfach nur mit voller Aufmerksamkeit da zu sein und zu fühlen, was Ihr Kind fühlt, kann sehr wirkungsvoll sein.
  • Weniger sprechen: In diesem Bewusstseinszustand ist Ihr Kind nicht in der Lage, Sprache oder Anweisungen zu verstehen, zu denken oder sein Verhalten rational zu kontrollieren.
  • Über die Stimme beruhigend einwirken und eine beruhigende Atmosphäre schaffen, anstatt Anweisungen zu geben oder zu versuchen, Informationen zu vermitteln.
  • Aufmerksam abwarten, gleichzeitig aber nach Anzeichen von Interesse oder einem Moment Ausschau halten, wann Ihr Kind ein wenig Kontakt mit Ihnen tolerieren oder vielleicht/hoffentlich sogar genießen kann.
  • Dem Kind helfen, sich selbst zu fühlen, vielleicht über sensorische Körpererfahrungen wie feste Berührungen oder das Ausstreichen von Rücken oder Armen, ein „ich drück dich“-Spiel, … klnnen dem Kind helfen, sich geerdeter und unterstützt und damit sicherer in sich selbst zu fühlen.
  • Probieren Sie es immer wieder. Geben Sie nicht auf. Aber gehen Sie langsam vor. Und stellen Sie sich darauf ein, dass es einen sehr langen Atem brauchen wird …

Vielleicht tauchen in diesem Zusammenhang Fragen zu Problemen auf, die Sie an Ihrem Kind beobachtet haben. Über eine Rückmeldung oder Ihre Gedanken zu diesem Thema freue ich mich.